Verena Buss

Phädra
Foto: Klaus Fröhlich

Phädra

Jean Racine

Staatstheater Stuttgart, 1994
Regie: Christof Loy
Rolle: Phädra

Bühne: Herbert Murauer



„Ein hochriskanter Versuch“
Racines „Phädra“ in der Übertragung Schillers
und der Inszenierung Christof Loys
Peter Iden, Frankfurter Rundschau, 1994

„ […] So schwierig ist Phädra, weil hier, wie Roland Barthes bemerkt hat, das Wesen
des Sprechens selbst auf die Bühne gebracht wird.“ ; was hier tragisch auf dem Spiel
stehe, liege weniger im Sinn des Gesprochenen als vielmehr in seiner Erscheinung.

[…] Drama ereignet sich als Sprache. Es ist eine Sprache, die von weither kommt.
Fremd sind die Bögen, die sie spannt, die Bilder, die sie entwirft, wie die Brüche, mit
denen sie Bedeutung markiert; fremd ist auch ihr Pathos. Natürlich muß eine Auf-
führung den in seinem Ausgang vielfach gefährdeten Versuch machen, dieses Frem-
de, Ferne zu erschließen, zu öffnen für ein Verstehen, das Pathetische bei Racine
und Schiller in die Reichweite einer anderen, „heutigen“ Emotionalität zu vermitteln –
jedoch ohne dabei Stoff und Stück durch falsche Verdeutlichungen um ihre Beson-
derheit zu bringen. Das ist in Stuttgart im ganzen erstaunlich gelungen. […]

Und Phädra selbst? Verena Buss ist eine Schauspielerin, die in hohem Maß über die Fähigkeit verfügt, Melodie und Bögen der Verssprache zu reproduzieren, Sprache zu erfühlen, aber auch zu denken – was sie daran hindert, sich von den Versen nur mit-
nehmen und tragen zu lassen. So verliert sie keinen Augenblick die Aufmerksamkeit
ihres Publikums für die Figur. Körperlich „arbeitet“ sie mit großer Hingabe: Wie diese Phädra, durch das übermächtige Gefühl für Hippolyt, sich zitternd an den Rändern
des Wahnsinns bewegt, wie gleichsam ihre Nerven delirieren – das hält die Buss nicht
nur verbal, sondern auch als physische Erregung sehr gegenwärtig. […]